Erstes Blumenstück
Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab,
daß kein Gott sei.
Vorbericht
Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer
Kühnheit. Die Menschen leugnen mit ebensowenig Gefühl das göttliche
Dasein, als die meisten es annehmen. Sogar in unsere wahren Systeme sammeln
wir immer nur Wörter, Spielmarken und Medaillen ein, wie Geizige
Münzkabinetter; - und erst spät setzen wir die Worte in Gefühle
um, die Münzen in Genüsse. Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit
der Seele glauben - - erst im einundzwanzigsten, in einer großen
Minute, erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über
die Wärme dieser Naphthaquelle.
Ebenso erschrak ich über den giftigen Dampf, der dem Herzen dessen,
der zum erstenmal in das atheistische Lehrgebäude tritt, erstickend
entgegenzieht. Ich will mit geringern Schmerzen die Unsterblichkeit als
die Gottheit leugnen: dort verlier' ich nichts als eine mit Nebeln bedeckte
Welt, hier verlier' ich die gegenwärtige, nämlich die Sonne
derselben; das ganze geistige Universum wird durch die Hand des Atheismus
zersprengt und zerschlagen in zahlenlose quecksilberne Punkte von Ichs,
welche blinken, rinnen, irren, zusammen- und auseinanderfliehen, ohne
Einheit und Bestand. Niemand ist im All so sehr allein als ein Gottesleugner
- er trauert mit einem verwaiseten Herzen, das den größten
Vater verloren, neben dem unermeßlichen Leichnam der Natur, den
kein Weltgeist regt und zusammenhält, und der im Grabe wächset;
und er trauert so lange, bis er sich selber abbröckelt von der Leiche.
Die ganze Welt ruht vor ihm wie die große, halb im Sande liegende
ägyptische Sphinx aus Stein; und das All ist die kalte eiserne Maske
der gestaltlosen Ewigkeit.
Auch hab' ich die Absicht, mit meiner Dichtung einige lesende oder gelesene
Magister in Furcht zu setzen, da wahrlich diese Leute jetzo, seitdem sie
als Baugefangene beim Wasserbau und der Grubenzimmerung der kritischen
Philosophie in Tagelohn genommen worden, das Dasein Gottes so kaltblütig
und kaltherzig erwägen, als ob vom Dasein des Kraken und Einhorns
die Rede wäre.
Für andere, die nicht so weit sind wie ein lesender Magistrand, merk'
ich noch an, daß mit dem Glauben an den Atheismus sich ohne Widerspruch
der Glaube an Unsterblichkeit verknüpfen lasse; denn dieselbe Notwendigkeit,
die in diesem Leben meinen lichten Tautropfen von Ich in einen Blumenkelch
und unter eine Sonne warf, kann es ja im zweiten wiederholen; - ja noch
leichter kann sie mich zum zweiten Male verkörpern als zum ersten
Male.
*
Wenn man in der Kindheit erzählen hört, daß
die Toten um Mitternacht, wo unser Schlaf nahe bis an die Seele reicht
und selber die Träume verfinstert, sich aus ihrem aufrichten, und
daß sie in den Kirchen den Gottesdienst der Lebendigen nachäffen:
so schaudert man der Toten wegen vor dem Tode; und wendet in der nächtlichen
Einsamkeit den Blick von den langen Fenstern der stillen Kirche weg und
fürchtet sich, ihrem Schillern nachzuforschen, ob es wohl vom Monde
niederfalle.
Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzückungen,
nehmen im Traume wieder Flügel und Schimmer an und spielen wie Johanniswürmchen
in der kleinen Nacht der Seele. Zerdrückt uns diese flatternden Funken
nicht! - Lasset uns sogar die dunkeln peinlichen Träume als hebende
Halbschatten der Wirklichkeit! - Und womit will man uns die Träume
ersetzen, die uns aus dem untern Getöse des Wasserfalls wegtragen
in die stille Höhe der Kindheit, wo der Strom des Lebens noch in
seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen
Abgründen entgegenzog? -
Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und
entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die
abrollenden Räder der Turmuhr, die elf Uhr schlug, hatten mich erweckt.
Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine
Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren
aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren
Händen auf und zu.
An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen
aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief
nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß
ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer
näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört'
ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen
Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen
Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich
zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten.
Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und
unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz
des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor
dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten.
Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt
waren. - Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug
statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben
worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf
seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber
da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr,
er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag
kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde.
Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die
Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände
fielen gefaltet hinweg.
Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem
keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer
Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz
aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus!
ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein,
und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die
Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels;
aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten
wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹
aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der
schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf,
über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur
unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich
mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf
dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. - Schreiet fort,
Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«
Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den
der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer.
Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im
Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe
Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?«
- Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle
Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«
Da kreischten die Mißtöne heftiger - die zitternden Tempelmauern
rückten auseinander - und der Tempel und die Kinder sanken unter
- und die ganze Erde und die Sonne sanken nach - und das ganze Weltgebäude
sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei - und oben am Gipfel
der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend
Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige
Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und
die Milchstraßen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz
der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen
sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden
Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende
Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste
Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit
und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit!
Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das
Gebäude und mich? - Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen
durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die
andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem
du vorübergehest? - Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft
des Alles! Ich bin nur neben mir - O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche
Brust, daß ich an ihr ruhe? - Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater
und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel
sein?...
Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der
Seufzer der Natur oder nur sein Echo - ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen
in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht
ihr bewölkten, wankenden Bilder. - Schaue hinunter in den Abgrund,
über welchen Aschenwolken ziehen - Nebel voll Welten steigen aus
dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart
ist der fallende. - Erkennst du deine Erde?«
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und
er sagte: »Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich,
da hatt' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den
Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne
Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ›Vater,
ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!‹...
Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch.
Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten,
Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor
und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel
hinauf: ›auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden,
und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.‹...
Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn
der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem
schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern:
so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht - und
es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater!
- Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast
du Ihn auf ewig verloren.«
Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah
ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich
um das Welten-All gelagert hatte - und die Ringe fielen nieder, und sie
umfaßte das All doppelt - dann wand sie sich tausendfach um die
Natur - und quetschte die Welten aneinander - und drückte zermalmend
den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen - und alles
wurde eng, düster, bang - und ein unermeßlich ausgedehnter
Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude
zersplittern... als ich erwachte.
Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte
- und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet.
Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen
Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem
kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen
dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre
kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater;
und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie
von fernen Abendglocken.
(Jean Paul - Siebenkäs, Erstes Blumenstück) |